06.08.2026

Die Tarockspieler des Café Schopenhauer

Eine Hommage an die Wiener Kaffeehauskultur

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Draufsicht eines Couchtisches mit einer Espressotasse und einem Glas Wasser
Draufsicht eines Couchtisches mit einer Espressotasse und einem Glas Wasser
Draufsicht eines Couchtisches mit einer Espressotasse und einem Glas Wasser
Draufsicht eines Couchtisches mit einer Espressotasse und einem Glas Wasser

Das Kaffeehaus ist das Laster des Wieners. [...] Es ist ein Rausch ohne Gift. [...] Man kann allein sein, ohne sich allein zu fühlen - das ist dem Wiener die liebste Form der Geselligkeit.“ 

Otto Friedländer, Schriftsteller

Das Kaffeehaus ist das Laster des Wieners. [...] Es ist ein Rausch ohne Gift. [...] Man kann allein sein, ohne sich allein zu fühlen - das ist dem Wiener die liebste Form der Geselligkeit.“ 

Otto Friedländer, Schriftsteller

Es ist ein Klassiker der Wiener Kaffeehauskultur: Das Café Schopenhauer schafft den Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Neben Musikabenden, Lesungen und Gesprächen trifft sich hier seit Jahrzehnten eine Stammtischrunde zum Tarockspielen - eine Konstante im Wandel der Zeit.

Wien wäre nicht Wien ohne seine altehrwürdigen Kaffeehäuser. Schon um 1900 sprossen die Kaffeesieder aus dem Boden. Das stundenlange Verweilen bei Melange, Zeitungen und Plaudereien ist so tief in der DNA der Stadt verankert, dass die Wiener Kaffeehauskultur mittlerweile zum UNESCO-Kulturerbe erhoben wurde. Neben zahlreichen literarischen Werken, die hier entstehen, werden seit Jahrhunderten auch Spielrunden an den Tischen der Wiener Kaffeehäuser ausgetragen.

 Eines der Urgesteine in der Kaffeehausszene ist das Café Schopenhauer im 18. Wiener Gemeindebezirk. Nur ein paar Gehminuten von der U-Bahnlinie des Gürtels entfernt, liegt das Traditionscafé mit Schanigarten. Schon vor hundert Jahren sollen sich Gäste in der Staudgasse hier zum Plaudern und Schmausen getroffen haben. Bis heute zieht es Freund:innen auf eine Partie Schach, Studierende zum Lernen und Familien zum Brunch her. Meist ist es voll. Drei Spieltische bleiben aber regelmäßig reserviert. Die werden für ganz spezielle Stammgäste bewahrt: Die Spielrunde.

Tarockspiel Tisch
Tarockspiel Tisch
Tarockspiel Tisch
Tarockspiel Tisch
Tarockspiel Tisch

Ein Spiel mit der Geschichte 

Jede Woche treffen sich im Café Schopenhauer Liebhaber:innen eines urösterreichischen Kartenspiels: Tarock. Das Spiel hat hierzulande lange Tradition. Schon vor Hunderten Jahren dienten die Karten dem Zeitvertreib. In Wien wuchs der Enthusiasmus für das Spiel bald so stark an, dass man Wiens Kaffeehäuser „Tarockzimmer“ nannte. Im Café Schopenhauer stammen die filzbezogenen Spieltische mit goldfarbenen Einbuchtungen noch aus der Gründerzeit. Auf die Tische wandern deshalb keine Getränke, sondern ausschließlich Spielkarten.

Dietmar kommt seit zwanzig Jahren zum Tarockieren ins Café. Er ist einer der beiden Leiter der Tarockrunden. Dienstag und Donnerstag sind Spieltage. Dann treffen sich im Café rund fünfzehn Spielenthusiast:innen. Wie Dietmar sind die meisten schon in Pension. Auch Ilse Berner kommt seit sieben Jahren regelmäßig hierher. Sie kann sich noch gut an ihren ersten Besuch bei der Spielrunde erinnern: „Die erste Stunde habe ich verloren. Die zweite Stunde habe ich mitgehalten. In der dritten Stunde habe ich meinen Tisch gewonnen. Am nächsten Tag haben sie mich gleich angerufen und gefragt, ob ich nächsten Dienstag wiederkomme. Ich hätte nie gedacht, dass sie so offen sind“, erzählt die Opernsängerin. Auch Freundschaften sind schon über die Partien entstanden. Um die Kunst des Tarockierens zu bewahren, bietet die Gruppe Einschulungsrunden an.

Gemeinschaft ist Trumpf

 Die Spieler:innen gehören mittlerweile zum Inventar des Hauses. Sogar die Weihnachtsfeiern des Cafés werden nach ihnen abgestimmt. Dann weichen die Spieltische dem Klavier. Es wird gesungen statt gezockt. Warum verbringt man hier so gerne seine Zeit? „Man kann hier den ganzen Tag bleiben, ohne schief angeguckt zu werden“, meint Ilse Berner. „Irgendwie trifft sich das ganze Grätzel im Schopenhauer. Es gibt einen Büchertisch, richtig tolle Lesesessel, man liest ein Buch oder die Zeitung des Tages“, erzählt sie. „Es hat eine gewisse Aura“, findet auch Dietmar. Als Vorstadtkaffeehaus habe es Stammpublikum. „Es hat noch etwas von damals. Es ist schon ein Altwiener Café, aber kein verschlafenes. Der Besitzer hat den richtigen Mix gefunden.“

Der Besitzer ist Fred Göd. Nachdem das Haus einige Inhaberwechsel erlebt hatte, übernahm er vor einigen Jahren das Café Schopenhauer. Wichtig war ihm bei der Erneuerung, Altes zu bewahren - als Hommage an das Kaffeehaus und seine Gäste. Hohe Decken und Fenster, Spiegel, Sitzecken und Holzvertäfelungen sind nach wie vor vertreten. Eine moderne Bartheke, eine Discokugel und vegane Speisen neben den hausgemachten Mehlspeisen ziehen ein junges Publikum an. Frühstück gibt es bis in den Nachmittag hinein - für Langschläfer:innen. Daneben ist das Kaffeehaus Buchhandlung, Konzertlocation und für viele ein zweites Wohnzimmer. Und da Tarock eng mit Tarot verwandt ist, könnte man in dem Sinne sagen: Die Karten stehen gut für die Zukunft des Cafés Schopenhauer. 

Autorin: Beatrix Kouba